Hisbollah (Hizb Allāh, „Partei Gottes“, arab.: حزب الله)

 

Hisbollah (Hizb Allāh, „Partei Gottes“, arab.: حزب الله)

Schiitisch islamistische Bewegung, Partei und Miliz im Libanon.
Kaum eine islamistische Bewegung wird so kontrovers beurteilt wie die schiitische Hizb Allāh (Partei Gottes) im Libanon. Westliche Medien bezeichnen sie meist als radikalislamistisch, terroristisch und vom Iran ferngesteuert. Vielen Libanesen gilt sie hingegen als legitime Befreiungsbewegung. Sie unterhält zahlreiche karitative und Bildungseinrichtungen, Entwicklungsprojekte und Medien.
Ihr militärischer Arm („Der Islamische Widerstand“) war in Reaktion auf die israelische Invasion 1982 mit iranischer Unterstützung gegründet worden.

Israel war 1982 in den Libanon einmarschiert, um die Palästinensische Befreiungsbewegung (PLO) von ihrer Nordgrenze zu vertreiben. Durch die rücksichtslose Kriegsführung – die Zahl der fast ausschließlich zivilen Toten im Libanon wird auf 20.000 geschätzt – und die langjährige Besatzung weiter Teile des Südlibanons schuf sich Israel indes in den Schiiten des Landes einen neuen erbitterten Feind.
Zunächst als Geheimorganisation des Widerstands gegen die israelische Invasion ins Leben gerufen, gab die Hizb Allāh 1984 ihre Gründung bekannt. 1985 veröffentlichte sie ihren programmatischen „Offenen Brief“, den sie „den Entrechteten im Libanon und der Welt vorlegte“. Sie kämpfte mit ihrem militärischen Arm, dem „Islamischen Widerstand“ (al-Muqāwama al-Islāmiyya), einen zermürbenden Guerillakrieg gegen die israelische Besatzungsarmee, bis diese sich im Mai 2000 aus dem Südlibanon zurückzog.
Im Umfeld der Hizb Allāh traten anfangs radikale islamistische Organisationen wie der Jihād al-Islāmī auf, die mit Selbstmordanschlägen gegen US-amerikanische und französische Ziele in Beirut und Entführungen westlicher Ausländer in den 1980er Jahren das Bild eines „schiitischen Terrorismus“ prägten. Obwohl die Hizb Allāh eine direkte Beteiligung an diesen gegen westliche Ausländer gerichteten Aktionen bestreitet, haftet ihr bis heute das Image des Terrorismus an. Die USA setzten sie nach dem 11.9.2001 auf ihre Liste der Terrororganisationen, ein Schritt, dem die EU und die libanesische Regierung indes nicht folgten.
Nach dem Ende des libanesischen Bürgerkriegs (1975-1990) wandelte sich die „Partei“ in eine institutionell und funktional diversifizierte soziale Bewegung, die besonders unter den Schiiten im Libanon breite Unterstützung genießt. So baute sie ein schon während des Bürgerkriegs begonnenes umfangreiches Versorgungsnetz aus Schulen, Krankenhäusern, Behindertenzentren, landwirtschaftlichen Kooperativen und Entwicklungsorganisationen aus. Sie baute Straßen, errichtete Trinkwassertanks und entsorgte Müll. Sie unterhält einen eigenen Fernsehsender, al-Manār, der über Satellit weltweit empfangen werden kann. Ihre Gegner werfen ihr daher vor, sie bilde einen Staat im Staate. Die Partei hält dem entgegen, der libanesische Staat habe seit Jahrzehnten gerade die von Schiiten bewohnen Regionen des Landes vernachlässigt, und sie fülle dieses Vakuum nur aus.
Seit 1992 ist die Hizb Allāh mit einem Parlamentarierblock im libanesischen Parlament vertreten. 2005 übernahm sie die Ministerien für Umwelt und Arbeit. In den seit 1998 stattfindenden Regionalwahlen gewann sie in einigen Regionalparlamenten (baladiyāt) die absolute Mehrheit und leitet dort seitdem erfolgreich die Verwaltung.
Weil sich die prowestliche Regierungsmehrheit nach dem Sommerkrieg 2006 weigerte, der Hizb Allāh und mit ihr verbündeten Kräften größeres Gewicht in einer Regierung der Nationalen Einheit zuzugestehen, traten alle schiitischen Minister im November 2006 zurück. Regierung und Opposition blockieren seitdem Institutionen und politische Entscheidungen. Verschärft wird dies durch die regionale und globale Polarisierung im Zuge des “Krieges gegen den Terrorismus”.
Die Hizb Allāh sieht sich zunehmend als nationallibanesische Bewegung, kooperiert mit christlichen, sunnitischen und säkularen Politikern und fordert die Abschaffung des politischen Konfessionalismus, d.h. der Zuteilung von Parlamentssitzen und anderen Ämtern nach einem konfessionellen Proporz. Die Menschen sollten nicht mehr nach ihrer religiösen Herkunft, sondern nach ihrem Können bewertet und eingestellt werden.

Das Image von lustfeindlichen, intoleranten Religionswächtern hat die Hizb Allāh im Laufe der Zeit abgestreift. Heute regeln rasierte junge Männer in ihrem Auftrag den Straßenverkehr in Südbeirut, und nicht selten bekennen unverschleierte, modisch gekleidete junge Frauen ihre glühende Verehrung für den Generalsekretär Hasan Nasrallāh, der seit dem Sommerkrieg 2006 wie eine Popikone verehrt wird. Er ist zu einem Che Guevara der arabischen Jugend geworden, weil er als erster arabischer Anführer Israel militärisch besiegt habe.

Siehe auch

Hassan Nasrallāh
Muhammad Husain Fadlallāh
Islamismus
Libanon
Sommerkrieg 2006

Eigene Veröffentlichungen

Bücher

Shi’a Publishing in Lebanon. With Special Reference to Islamic and Islamist Publications (Schriften des Arbeitskreises Moderne und Islam, Bd. 2), Berlin 2000, 188 S. [S. 1-55 + Bibliographie | ] (Buch bestellen)

Islamismus bei den Schiiten im Libanon. Religion im Übergang von Tradition zur Moderne (Studien zum Modernen Islamischen Orient, Bd. 8), Berlin 1996, 355 S. [ 1. Inhaltsverzeichnis | 2. Einführung | 3. Libanonkonflikt | 4. Kriege im Libanon 1975-1990] (Buch bestellen)

Beiträge in Sammelbänden und Zeitschriften

„Vom radikalen Milieu in die Mitte der Gesellschaft. Die Dynamik der Hizb Allah im Libanon“; in: Stefan Malthaner, Peter Waldmann (Hrsg.): Radikale Milieus. Das soziale Umfeld terroristischer Gruppen. Frankfurt a.M. 2012, S. 167-189.

„Die Hizb Allah im Libanon – Weltbild, Autoritätsformen und Dynamik einer religiösen Bewegung“; in: Wolfgang Braumandl-Dujardin, Walter Feichtinger (Hrsg.): Privatisierte Gewalt. Herausforderung in internationalen Friedensmissionen. Wien 2012, S. 73-82.

„Libanon: Heiße Spuren im „Mordfall Hariri“?“; in: GIGA Focus Nahost 2010/7. Hamburg 2010. [Weblink…(PDF)]

Arabische Übersetzung لبنان: مسارات ساخنة في قضية مقتل الحريري, al-Akhbar 19.08.2010. [Weblink…(PDF)]

„Sunniten und Schiiten im Libanon – Dimensionen einer komplexen Beziehung“; in: Sigrid Faath (Hrsg.): Rivalitäten und Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten in Nahost. 2010, S. 177-204. [Weblink…(PDF)]

„Märtyrer” der Hizb Allah – eine Chronologie und Typologie ihrer Erscheinungsformen“; in: Dirk Ansorge (Hrsg.): Der Nahostkonflikt. Politische, religiöse und theologische Dimensionen. Stuttgart 2010, S. 213-241. [Weblink…(PDF)]

„Von der “Islamischen Revolution” zum “Islamischen Widerstand”. Gewaltlegitimationen schiitischer Religionsgelehrter im Umfeld der Hizb Allah“; in: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History, 5,1, S. 62-86. [Weblink…(PDF)]

„Die Hisbollah im Libanon – Terroristischer Paria oder potentieller Partner für die Entwicklungszusammenarbeit?“; in: GTZ (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit): Politischer Islam: Instrumentalisierte Religion oder zivilgesellschaftlicher Umbruch? Entwicklungszusammenarbeit im Zielkonflikt. 2008, S. 28-38. [Weblink…(PDF)]

„Religiöse Freigabe und Begrenzung der Gewalt bei der Hizb Allah im Libanon“; in: Bernd Oberdorfer, Peter Waldmann (Hrsg.): Die Ambivalenz des Religiösen. Religionen als Friedensstifter und Gewalterzeuger. Freiburg i. Br. u.a. 2008, S. 157-183 [Weblink…(PDF)]

„Hizb Allah – an Islamic Way to Modernity?“ In: Vasilios N. Makrides & Jörg Rüpke (Hrsg.): Religionen im Konflikt. Vom Bürgerkrieg über Ökogewalt bis zur Gewalterinnerung im Ritual, Münster 2005, S. 128-145. [Weblink…(PDF)]

„Der jihad. Eine Typologie historischer und zeitgenössischer Formen islamisch legitimierter Gewalt“; in: Hildegard Piegeler, Inken Prohl & Stefan Rademacher (Hrsg.): Gelebte Religionen. Untersuchungen zur sozialen Gestaltungskraft religiöser Vorstellungen und Praktiken in Geschichte und Gegenwart. Festschrift für Hartmut Zinser, Würzburg 2004, S. 133-149. [Weblink…(PDF)]

Rezension: Ferdinand Smit: The Battle for South Lebanon. The Radicalisation of Lebanon’s Shi’ites 1982-1985; Amsterdam 2000, Bulaaq; in: Die Welt des Islams 44/1, Leiden 2004, S. 147-150. [Weblink…(PDF)]

Rezension: Rainer Brunner: Annäherung und Distanz. Schia, Azhar und die islamische Ökumene im 20. Jahrhundert, Berlin 1996: Klaus Schwarz Verlag. 328 S. (Islamkundliche Untersuchungen, Band 204); in: Der Islam 80/1, Berlin, New York 2003, S. 189-192. [Weblink…(PDF)]

Rezension: Waddah Scharara: Daulat Hizb Allah. Lubnan mujtama’an islamiyan (Der Hizb Allah-Staat. Der Libanon – eine islamische Gesellschaft); Beirut 1996 (1. Aufl.), 1997 (2. Aufl.) Dar an-Nahar; 422 S.; in: Die Welt des Islams 42/2, Bonn 2002, S. 272-4. [Weblink…(PDF)]

„As-Sayyid Hasan Nasrallah: Geistlicher mit Machtinstinkt“; in: Orient-Journal, Hamburg 2001, S. 11. [Weblink… (PDF)]

„Zwei Forschungsinstitute der schiitischen ‘Islamischen Bewegung’ in Beirut“; in: Orient-Institut der DMG (Hrsg.); Beiruter Blätter (1997) 5, Beirut [erschienen 1998], S. 106-110. [Weblink…(PDF)]

„Schiitischer Islamismus und der Modernisierungsprozeß im Nachkriegslibanon. Das Beispiel der Hizb Allah“; in: Orient-Institut der DMG (Hrsg.); Beiruter Blätter (1997) 5, Beirut [erschienen 1998], S. 51-56. [Weblink…(PDF)]

Zeitungsartikel

„Despite Alarm by U.S., Europe Lets Hezbollah Operate Openly” (Interview), The New York Times 16.08.2012. [Weblink…(PDF)]

„Wettlauf zwischen Hase und Igel. Der Wiederaufbau im Libanon“; in: Der Überblick. Hamburg Dezember 2006, S. 46-49. [Weblink…(PDF)]

„Hamas: Pragmatische Wende der Islamisten“ (Interview), Die Presse, Wien, vom 2.9.2006. [Weblink…] [Weblink…(PDF)]

„Die Hisbollah ernst nehmen“, Interview in ZEIT-Online vom 29.8.2006 [Weblink…] [Weblink…(PDF)]

„Das ist reine Propaganda“, Interview in der tageszeitung (taz), Berlin, vom 9.8.2006 [Weblink…] [Weblink…(PDF)]

„Waffenstillstand jetzt! Das israelische Militär nimmt keine Rücksicht auf die Zivilisten“, Kommentar in der tageszeitung (taz), Berlin, vom 22.7.2006 [Weblink…] [Weblink…(PDF)]