Hasan Nasrallāh (حسن نصر الله)

Hasan Nasrallāh (حسن نصر الله)

Generalsekretär der Hizb Allah

Veröffentlichungen

„Von der “Islamischen Revolution” zum “Islamischen Widerstand”. Gewaltlegitimationen schiitischer Religionsgelehrter im Umfeld der Hizb Allah“; in: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History, 5,1, S. 62-86. [Weblink…(PDF)]

„As-Sayyid Hasan Nasrallah: Geistlicher mit Machtinstinkt“; in: Orient-Journal, Hamburg 2001, S. 11. [Weblink… (PDF)]

Biografie

Hasan Nasrallah wurde am 31.8.1960 als ältestes von 9 Geschwistern geboren. Seine Familie führt ihre Geneaologie auf die schiitischen zwölf Imame zurück, und er wird deshalb als Sayyid angesprochen und trägt einen schwarzen Turban. Gleichwohl war sein Vater nur ein mittelloser Obst- und Gemüsehändler. Diese Herkunft aus einfachen Verhältnissen und einer bildungsfernen Familie fördert sein Image als ein Selfmademan, der seine Gelehrsamkeit und seinen politischen Erfolg ohne familiäre Prädisposition und ererbte Privilegien sondern allein durch persönliches Engagement erreicht hat. Wie viele Landflüchtlinge wuchs Hasan mit seiner Familie in einem der Elendsviertel Beiruts auf, al-Qarantina, dem ehemaligen „Quarantäne“-Viertel des Beiruter Hafens. Bereits aus dieser Zeit ist sein frühes Interesse an religiösen Studien überliefert. Er soll gebrauchte Religionsbücher gelesen und in Moscheen in Sinn al-Fil, Nab’a und Burj Hamud gebetet haben. Wie an-Nab’a wurde auch al-Qarantina in der ersten Bürgerkriegsrunde 1975/76 von christlichen Milizen ethnisch-konfessionell „gesäubert“. Das Massaker von al-Qarantina im Januar 1976 gehörte zu den grausigen Höhepunkten dieser Kriegsrunde – den Leichen wurden als Triumphgeste teils Kreuze in die Haut geritzt.

Die Familie Nasrallah war bei Ausbruch des Bürgerkriegs in ihr südlibanesisches Heimatdorf Bazuriyya, 3 km südöstlich von Sur entfernt, gezogen. Mit seinem Bruder Husain trat Hasan der Amal-Bewegung bei und wurde bereits mit 15 Jahren deren Dorfvorsitzender. Zwischendurch studierte er an der theologischen Hochschule von Najaf, später noch einmal in Qom, erreichte aber nicht den Abschluss eines Mujtahid. Als Amal im Krieg 1982 den Widerstand gegen die israelische Besatzung aufgab und der Regierung der Nationalen Rettung beitrat, verließen Hasan Nasrallah und andere Islamisten die Bewegung. Mit gerade einmal 22 Jahren gehörte er 1982 zu den jungen Gründungsmitgliedern der Hizb Allah und übernahm von Anfang an führende Funktionen in ihr. Im Alter von nur 31 Jahren wurde er im Februar 1992 zu deren Generalsekretär gewählt und hat diese Funktion bis heute inne. Eine solch steile „Karriere“ und verantwortliche Position in jungen Jahren hätte er als bloßer Religionsgelehrter nie erreichen können. Hier manifestiert sich im schiitischen Kontext ein neuer Typus politisch-religiöser Autorität, die weniger auf Gelehrsamkeit denn auf politisch-militärischem Aktivismus beruht.

Am 13.9.1997 kam Nasrallahs 18-jähriger Sohn Hadi als „Märtyrer“ bei einer Guerillaoperation im Südlibanon ums Leben, und seine Leiche wurde triumphalistisch in israelischen Medien vorgeführt. Doch Hasan Nasrallah verkündete, Israel solle sich nicht einbilden, von diesem Umstand profitieren zu können, denn der Leichnam seines Sohnes werde wie der eines jeden anderen Gefallenen bei Verhandlungen über einen Austausch behandelt. Solche Gesten, die eigene Macht nicht für eine Vorzugsbehandlung auszunutzen, prägten sein positives Image und bescherten ihm Kultstatus im Nahen Osten, da sie in markantem Gegensatz zu den leeren Parolen und den Privilegien der dortigen Herrscher stehen.

Unter seiner Führung als Generalsekretär änderte sich ab Februar 1992 die Militärtaktik der Hizb Allah, in der die Kämpfer nicht mehr zelotenhaft als „menschliche Wellen“ gegen israelische Posten stürmten, sondern als Guerillamiliz mit einer funktionalen Diversifizierung nach Waffen und Taktiken operierten. Die Informationsbeschaffung wurde professionalisiert, und die Kommandeure im Feld erhielten größere Autonomie. Die Zahl der Angriffe auf israelische Posten nahm von 19 im Jahre 1990 auf 187 1994 zu. In den letzten Monaten der Besatzung 1999-2000 betrug sie 300 Angriffe pro Monat. Das Verhältnis der eigenen Opfer zur Zahl der Getöteten verschob sich von 5:1 1990 auf 3:2 Ende der 1990er Jahre.

Auch innenpolitisch verschoben sich die Parolen und Ansprüche der Partei von ideologisch überhöhten Forderungen hin zu pragmatischen und realistischeren Zielen. So wurde in den 1990er Jahren das Parteilogo „Die Islamische Revolution im Libanon“ aufgegeben und durch die Bezeichnung „Der Islamische Widerstand im Libanon“ ersetzt. Die Hizb Allah trat bei den Parlamentswahlen von 1992 und 1996 als einzige Partei und Gruppierung mit schriftlichen Wahlprogrammen an. In ihnen war keine Rede mehr von einer „Islamischen Revolution“, sondern sie enthielten im Wesentlichen ein nationallibanesisches Entwicklungsprogramm mit Forderungen nach Reformen der Wirtschaft, Verwaltung, Bildung und des Sozialsystems. Als die zwei Hauptziele wurden 1992 genannt: „1. die Befreiung des Libanon von der zionistischen Besatzung und der mentalen Abhängigkeit vom Imperialismus, 2. die Abschaffung des politischen Konfessionalismus.“ Der „Islamische Widerstand“ erhielt eine nationallibanesische Note: „Die Wahrung des vereinten Libanon und seiner kulturellen Zugehörigkeit in seine islamische und arabische Umgebung verlangt von uns besondere Aufmerksamkeit für die Option des Widerstands gegen die zionistische Besatzung, bis der gesamte besetzte Boden befreit ist.“ Das Territorium des Libanon galt nun als primäre Bezugsgröße. In ihrem Wahlprogramm von 1996 stellte sie sich als „die Partei des Widerstands und der Befreiung, die Partei der Standfestigkeit und des Aufbaus und der Veränderung in Richtung auf eine bessere Realität“ vor.

Der bedingungslose Rückzug Israels aus dem Südlibanon am 25.5.2000 war der größte Triumph für Hasan Nasrallah. Gleichwohl blieben auch danach ungelöste Konflikte mit Israel bestehen. So hielt die israelische Armee weiterhin die Schab’a-Farmen besetzt, und es kam fast täglich zu israelischen Grenzverletzungen zu Wasser, zu Land und durch Überflüge. Der Libanon fordert weiterhin die Freilassung in israelischen Gefängnissen einsitzender Libanesen und die Herausgabe von Karten der Minenfelder, die die israelische Armee im Südlibanon zurückgelassen hatte und durch die es immer wieder zu zivilen Opfern unter den Bewohnern der Grenzregion kommt.

Der Sommerkrieg von 2006 zwischen Israel und der Hizb Allah war letztendlich die Folge dieser ungelösten Konflikte. Trotz der über 1.000 zivilen libanesischen Opfer und der enormen Zerstörung an Infrastruktur und Wohneinheiten, wurde sein Ausgang von der Hizb Allah-Propaganda als „Sieg von Gott“ (Nasr min Allah) gefeiert, was zugleich ein Wortspiel mit dem Namen ihres Führers Hasan Nasr-allah war. Dass er auch diesen Krieg wie schon so viele zuvor auf ihn geplante Mordattentate überlebte, verlieh ihm die Aura eines Heiligen. Israel war es nicht gelungen, seine propagierten Kriegsziele zu erreichen: die Befreiung der beiden am 12. Juli 2006 von der Hizb Allah entführten israelischen Soldaten, ein Ende des Raketenbeschusses auf Nordisrael, das die Hizb Allah während der gesamten 33 Tage unvermindert durchführte als Vergeltung für die Bombardierung ziviler libanesischer Gebiete, die Zerstörung der militärischen Infrastruktur der Hizb Allah, ihre Vertreibung aus der Grenzregion und – so befürchteten viele Libanesen – eine erneute Besetzung des Südlibanon. Vielmehr stärkte der Sommerkrieg den Nimbus der Hizb Allah besonders unter Schiiten, die wahre Beschützerin des Landes gegen israelische Invasionen zu sein. Denn die libanesische Armee, die nur an wenigen Stellen in die Kämpfe eingegriffen hatte, war wegen ihrer mangelhaften Bewaffnung praktisch handlungsunfähig. Bei Angehörigen anderer Konfessionen verstärkte sich hingegen die Sorge, die schiitische Hizb Allah könne sich weiter zu einem „Staat im Staate“ entwickeln. Die momentane innenpolitische Blockade zwischen Regierung und Opposition rührt wesentlich aus dieser unterschiedlichen Bewertung des Sommerkriegs 2006 und seiner Folgen her.