Schiiten im Libanon

Schiiten im Libanon

Ursprünge der Schia

Nach schiitischem Glauben sollte der Cousin Muhammads, Alī, und seine männlichen Nachfolger, die Imame, die rechtmäßigen Nachfolger des Propheten (Kalifen) werden. Sie konnten ihren Anspruch auf das Kalifat aber nicht gegen die zahlenmäßig überlegenen Sunniten durchsetzen. Der dritte Imam, al-Husain, zog 680 n. Chr. mit einer kleinen Schar von Gefolgsleuten in den Kampf gegen das übermächtige Heer des Kalifen Yazīd. An ‘Āschūrā, dem zehnten Tag des islamischen Monats Muharram, starb al-Husain den Märtyrertod. ‘Āschūrā ist der zentrale Gedenktag der Schia, der bis heute mit Prozessionen und Theaterstücken, mitunter auch Selbstgeißelung und politischen Kundgebungen begangen wird.
Zwei gegensätzliche Handlungsmuster haben Schiiten aus dem tragischen Schicksal ihres Imams abgeleitet. Entweder sie beklagen sein Schicksal mit Weinen und Klagen und verbergen in Situationen der Gefahr ihren wahren Glauben. Oder aber sie rebellieren selbst in vermeintlich aussichtsloser Situation gegen Unrecht und Tyrannei und sind bereit, sich wie Imam al-Husain zum Wohle der Gemeinschaft und zum Erhalt des wahren Glaubens zu opfern, notfalls sogar den Märtyrertod zu sterben.

Auch bei den Schiiten im Libanon finden sich diese beiden Formen, das quietistische Mit-Leiden und die aktivistische Rebellion.

In den gebirgigen Libanon haben sich Zwölferschiiten ähnlich wie andere religiöse Minderheiten vor der Verfolgung durch die Mehrheitsreligionen zurückgezogen. Im Amil-Gebirge (Jabal ‘Āmil), dem südlichen Ausläufer des zentralen Libanongebirges, errichteten sie theologische Hochschulen, aus denen bedeutende schiitische Gelehrte hervorgingen. Die Safawiden luden im 16. Jahrhundert Gelehrte von hier in den Iran, um die dortigen Muslime, die seinerzeit noch mehrheitlich Sunniten waren, zur Schia zu missionieren. Die sunnitischen Osmanen sahen daher in den Schiiten des Libanon eine Art fünfte Kolonne des Iran. Sie wurden zeitweise blutig verfolgt. Bedeutende theologische Bibliotheken wurden verbrannt, und Ende des 18. Jahrhunderts gab es offiziell kaum noch Schiiten in der Gegend. Viele “verbargen” ihren wahren Glauben und folgten damit der schiitischen Lehre, bei Gefahr für Leib und Leben den eigenen Glauben zu verstellen (Taqiyya).

Im 1920 gegründeten Staat Libanon blieben die Schiiten zunächst eine randständige Gemeinschaft. Sie lebten vorwiegend in den ländlichen Regionen des Südens und in der östlichen Bekaa-Ebene. Sie hatten lange Zeit keinen Einfluss auf die Politik, und ihre Gegenden blieben unterentwickelt. Der von Maroniten und Sunniten dominierte Staat kümmerte sich nicht um sie.

Ein “schiitisches Erwachen” setzte in den 1960er Jahren ein. Der christliche Reformpräsident Fu’ād Schihāb hatte 1958 begonnen, auch die ländlichen Regionen zu modernisieren. Wie in vielen Entwicklungsländern führte dies zu einer massiven Landflucht und einem enormen Anwachsen der Städte. Schiiten zogen in die Vororte Beiruts und verdingten sich als Arbeiter und Tagelöhner, blieben aber größtenteils im Subproletariat. Andererseits besuchten sie vermehrt die neuen Staatsschulen, und ihr Bildungsniveau nahm beträchtlich zu. Viele erreichten die Universitäten. Dies weckte ihre Erwartungen, nun endlich mehr Teilhabe am Staat und in der Gesellschaft zu erhalten. Doch ihre Hoffnungen wurden enttäuscht. Die etablierten Konfessionen fürchteten um ihre Privilegien, die feudalen schiitischen Großgrundbesitzer um ihre Macht.

Der Bevölkerungsanteil der Schiiten nahm von 20% (1932) auf vermutlich 35% zu, doch ihr Anteil an Parlamentssitzen und in der Verwaltung blieb gleich. So fühlten sich die Schiiten diskriminiert und entrechtet – genauso wie ihre frühen Imame. Mūsā as-Sadr, dessen Vorfahren einst aus dem Amil-Gebirge in den Iran ausgewandert waren, kam 1959 in den Libanon. Er war bis zu seinem mysteriösen Verschwinden 1978 der charismatische Führer der “Bewegung der Beraubten”. Seine Anhänger nannten ihn verehrend Imam – lange vor dem Aufstieg “Imam” al-Khumainīs im Iran. Er mobilisierte sie mit dem Vorbild der kämpferischen Imame und gründete einige der bis heute wichtigen sozialen und politischen Institutionen wie den Obersten Schiitischen Rat und die Amal-Bewegung.

Muhammad Hussein Fadlallāh siedelte 1966 von Najaf im Irak in den Libanon über und stiftete ebenfalls mehrere islamische Einrichtungen. Er gilt als geistiger Wegbereiter der Hizb Allāh.

Unter dem Bürgerkrieg (1975-1990) und den Kriegen mit Israel haben Schiiten sehr gelitten, da ihre Siedlungsgebiete häufig im Zentrum der Kämpfe lagen. Mit Ende des Bürgerkriegs 1990 verbesserte sich ihre Stellung im Libanon. Viele von ihnen erreichten in ihrer wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung die Mittelschicht, ihr politischer Einfluss nahm zu, und viele schiitische Intellektuelle und Kulturschaffende sind mittlerweile ein fester Bestandteil der libanesischen nationalen Elite. Obwohl die islamistische Hizb Allāh sehr das äußere Erscheinungsbild der Schiiten prägt, gibt es gerade unter ihnen viele säkulare und selbst atheistische Denker und Kulturschaffende, darunter auch Kritiker des Islamismus.

Im Sommerkrieg 2006 zwischen Israel und der Hisbollah wurden fast ausschließlich schiitische Wohngegenden bombardiert und zerstört. Die Entwicklung der Gemeinschaft wurde um Jahre zurückgeworfen. Denn es wird lange dauern, bis die Häuser und Wirtschaftsunternehmen wieder aufgebaut sind. Der Sympathie für “ihre” Hizb Allāh hat dies keinen Abbruch getan, eher ist die Zustimmung zu dieser Parteimiliz unter Schiiten noch gewachsen – und die Gemeinschaftsbindung ist stärker denn je.

Veröffentlichungen

Bücher

Islamismus bei den Schiiten im Libanon. Religion im Übergang von Tradition zur Moderne (Studien zum Modernen Islamischen Orient, Bd. 8), Berlin 1996, 355 S. [ 1. Inhaltsverzeichnis | 2. Einführung | 3. Libanonkonflikt | 4. Kriege im Libanon 1975-1990] (Buch bestellen)
Rezension (arabisch) in al-Hayat 20.3.2001 [Weblink… (PDF)]

Shi’a Publishing in Lebanon. With Special Reference to Islamic and Islamist Publications (Schriften des Arbeitskreises Moderne und Islam, Bd. 2), Berlin 2000, 188 S. [S. 1-55 + Bibliographie]

Beiträge in Sammelbänden und Zeitschriften

„The Twelver Shia Online. Challenges for its Religious Authorities“; in: Alessandro Monsutti, Silvia Naef & Farian Sabahi (Hrsg.): The Other Shiites. From the Mediterranean to Central Asia. Bern u.a. 2007, S. 245-262. [Weblink…(PDF)]

„Muhammad Husain Fadlallah: Im Zweifel für Mensch und Vernunft“; in: Katajun Amirpur, Ludwig Ammann (Hrsg.): Der Islam am Wendepunkt: Liberale und konservative Reformer einer Weltreligion, Freiburg i. Brsg. 2006, S. 100-108. [Weblink…(PDF)]

Rezension: Ferdinand Smit: The Battle for South Lebanon. The Radicalisation of Lebanon’s Shi’ites 1982-1985; Amsterdam 2000, Bulaaq; in: Die Welt des Islams 44/1, Leiden 2004, S. 147-150. [Weblink…(PDF)]

„The Development of the Shia Community in Lebanon as Reflected in their Publishing Activities“; in: Orient-Institut der DMG (Hrsg.); Beiruter Blätter 8-9, Beirut 2002, S. 124-130. [Weblink…(PDF)]

„The Tragedy of Fatima az-Zahra’. A Shi’a Historians’ Debate in Lebanon“; in: Rainer Brunner & Werner Ende (Hrsg.): The Twelver Shia in Modern Times : Religious Culture & Political History (Social, Economic and Political Studies of the Middle East and Asia, Bd. 72), Leiden 2001, S. 207-219. [Weblink…(PDF)]

„Libanon: Sexualität im Diskurs schiitischer Islamisten“; in: inamo 19, Herbst 1999, S. 9-13.
„Zwei Forschungsinstitute der schiitischen ‘Islamischen Bewegung’ in Beirut“; in: Orient-Institut der DMG (Hrsg.); Beiruter Blätter (1997) 5, Beirut [erschienen 1998], S. 106-110. [Weblink…(PDF)]

„Schiitischer Islamismus und der Modernisierungsprozeß im Nachkriegslibanon. Das Beispiel der Hizb Allah“; in: Orient-Institut der DMG (Hrsg.); Beiruter Blätter (1997) 5, Beirut [erschienen 1998], S. 51-56. [Weblink…(PDF)]

Siehe auch

Fadlallah, Muhammad Husain
Hizb Allah
Nasrallah, Hassan