Sunna-Schia

Sunna-Schia

Sunniten und Schiiten in Geschichte und Gegenwart

Auf die Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten angesprochen, reagieren Muslime in der Regel abwehrend mit der Erklärung, es gebe nur einen Islam. Allein die konfessionellen Unterschiede zu thematisieren spalte die Umma und nutze den Amerikanern. Längst aber fordert der innermuslimische Bürgerkrieg im Irak mehr Opfer als der “Widerstand gegen die Besatzung”.
Die Akteure rechtfertigen ihre atavistische Gewalt mit religiösen Klischees und historischen Vorbildern, und die politische Vulgärpsychologie orientiert sich an uralten Mustern: Schiiten seien hinterhältig, weil sie ihre wahren Absichten verstellen dürften, Sunniten seien wie die frühen Kalifen prinzipienlos nur an der Macht interessiert. Die Wirkmächtigkeit des konfessionellen Gegensatzes ist im Irak besonders groß, da hier die meisten heiligen Stätten der Schia liegen: Najaf, Karbala, Samarra und Kazimiyya. Aber auch bei Sunniten genießt das Land als Sitz des Abbasiden-Kalifats (750-1258) besondere Verehrung. Um die innerislamische Polemik zu verstehen, ist daher ein historischer Rückblick sinnvoll.

Trennende Mythen

Auf dem Rückweg von seiner Abschiedswallfahrt nach Mekka soll der Prophet Muhammad im März 632 am Teich von Khumm seiner Gemeinde gesagt haben: “Der, dessen Herr (Maula) ich bin, dessen Herr ist auch Ali.” Jene, die dieses Ereignis als göttliche Designation Alis zum Prophetennachfolger (Kalifen) interpretierten, bildeten fortan “die Partei Alis” (Schiat Ali) oder kurz Schia. Die sunnitische Mehrheit wollte in dem Prophetenwort jedoch nur eine allgemeine Ehrbekundung und keine Nachfolgeregelung sehen. Als Muhammad wenige Monate später starb, bestimmten sie stattdessen Abu Bakr zum Kalifen. Ali hatte an der Prozedur nicht teilgenommen, da er währenddessen die Beerdigung des Propheten vorbereitete. In manchen Gegenden verfluchen Schiiten Abu Bakr und seine Nachfolger Umar und Uthman bis heute, weil sie das Kalifat usurpiert und Ali um seinen rechtmäßigen Anspruch betrogen hätten. Umgekehrt beschimpfen Sunniten Schiiten als Rafiditen, die (den Gehorsam gegen die Kalifen verweigernden) “Abtrünnigen”.
Als Ali 656 schließlich doch noch zum Kalifen bestimmt wurde, schien die schiitische Ordnung wiederhergestellt. Doch seine Herrschaft war kurz und glücklos. Seine Gegner warfen ihm Verstrickung in den Mord an seinem Vorgänger Uthman vor. Muawiyya, der syrische Statthalter Uthmans, erkannte das Kalifat Alis nicht an, und er rief sich selbst zum Kalifen aus. 661 ermordete ihn ein Anhänger der Sekte der Kharijiten in der Stadt Kufa. Ali liegt mutmaßlich in Najaf begraben.
Ali blieb der einzige schiitische Imam, der religiöse und politische Autorität in sich vereinte. Seine Söhne Hassan und Hussein und – in der Zählweise der Hauptrichtung der Zwölferschia  – die weiteren neun Imame konnten ihren Herrschaftsanspruch trotz wiederholter Aufstände nicht mehr durchsetzen. Muawiyya setzte sich mit dem fortan dynastisch weitergereichten Kalifat durch. Sunniten wird deshalb vorgeworfen, sie hätten die unislamische Herrschaftsform der Monarchie eingeführt.

Die schiitischen Märtyrer

Dass auch alle folgenden Imame, allesamt auf Befehl der “tyrannischen” sunnitischen Kalifen, eines gewaltsamen Todes als Märtyrer gestorben seien, gehört zu den festen Glaubensgrundsätzen der Schia. Sie gelten als göttlich designiert und unfehlbar, ihre Geburts- und Todestage sind hohe Festtage, und ihre Grabstätten zu besuchen gilt manchen als ebenso verdienstvoll wie die Pilgerfahrt nach Mekka. Ihre überlieferten Aussprüche werden mitunter noch über den Koran gestellt. Dies führt zu dem Tadel, die Schia habe die Imame zu gottähnlichen Heiligen erhoben. Dies sei Götzendienerei und Polytheismus (Schirk), die einzige Todsünde im Islam, die mit ewiger Höllenqual bestraft wird. Die puritanischen Wahhabiten in Saudi-Arabien haben deshalb die Imamgräber in Medina zerstört und Anfang des 19. Jahrhunderts Najaf und Karbala verwüstet – und dabei reichlich Beute aus der Pilgerkasse der Imamschreine mitgenommen.
Zum Archetypus des rebellischen schiitischen Märtyrers wurde der Prophetenenkel und Dritte Imam, Hussein, der im Jahre 680 der Legende nach mit weniger als 100 Gefährten gegen die 30.000 Mann starken Truppen des tyrannischen Kalifen Yazid ins Feld zog. Am 10. Tag des Monats Muharram, an Aschura, fand er den von Gott vorherbestimmten Tod auf dem Schlachtfeld von Karbala.
Imam Hussein gilt heutigen schiitischen Bewegungen wie der libanesischen Hizbollah als Vorbild, auch in vermeintlich aussichtsloser Situation gegen einen übermächtigen Feind zu kämpfen. In dem “Sieg von Gott” (Nasr min Allah) des Sommerkrieges 2006 – einem Wortspiel mit dem Namen des Generalsekretärs Hasan Nasr-Allah – wiederholte sich die Botschaft von Karbala: Trotz der zahlenmäßigen und militärtechnologischen Überlegenheit der israelischen Armee und der ungeheuren eigenen Verluste blieb die Gemeinschaft standhaft und errang einen moralischen Sieg. Auch das Selbstmordattentat, im Jargon der Hizbollah eine Märtyreroperation, knüpft an das Vorbild Husseins an, der willentlich und wissentlich in den Tod gezogen sein soll, um als Schahid, als Märtyrer und als Zeuge für das Unrecht seiner Gegner, kommenden Generationen ein Vorbild zu sein.
Die meisten Imame blieben indes unpolitische Gelehrte. Manche betrieben Taqiyya, sie verbargen aus Vorsicht ihren wahren Glauben. Der Zwölfte Imam, Mahdi, ging 874 in Kindesalter “in die Verborgenheit ein”, aus der er eines Tages als rechtleitender Erlöser wiederkehren soll.

Politisierung der Gegensätze

In der Geschichte des Islams kam es wiederholt zu heftigen Polemiken und blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Konfessionen. Dennoch spricht einiges dagegen, den sunnitisch-schiitischen Antagonismus als eine unüberbrückbare Konstante zu sehen. Denn keine der historischen und aktuellen Auseinandersetzungen lässt sich rein auf den religiösen Gegensatz reduzieren. Immer spielen auch soziale und politische Faktoren hinein: das Verhältnis von Mehrheit und Minderheit, soziale Unterschiede, außenpolitische Bündnisse, regionale Rivalitäten, ethnische Differenzen und Stadt-Land-Gegensätze. Die Fronten verliefen nie ausschließlich zwischen den beiden Richtungen. Auch Sunniten kritisieren das Abdriften des frühen Kalifats in eine Monarchie. Politisch aktive Schiiten verbieten unter heutigen Bedingungen die Taqiyya, das Verbergen des wahren Glaubens. Die Wahhabiten sind wegen ihres Verbots der Heiligenverehrung vielen Sunniten ebenso verhasst wie den Schiiten. Die engste Prophetenfamilie, zu denen die Imame gehören, genießt im sunnitischen Volksislam hohe Verehrung, und zu deren Andenken finden sich in vielen Gemeinden protoschiitische Rituale. Schiitische Reformtheologen verbieten ihren Anhängern das Verfluchen der ersten Kalifen.
Besonders im 20. Jahrhundert entstand der Wille zur ökumenischen Annäherung. Der Kampf gegen den europäischen Kolonialismus führte im I. Weltkrieg zu gemeinsamen Jihad-Aufrufen. Übergeordnete Ideologien wie der Nationalismus entschärften bisweilen die konfessionellen Gegensätze – aber sie konnten diese auch hervorragend inkorporieren, etwa im stark von schiitischen Symbolen geprägten iranischen Nationalismus oder im sunnitisch dominierten Arabismus.
König Abdallah von Jordanien warnte im Dezember 2004 vor dem “schiitischen Halbmond”, der sich zwischen Iran, Irak, Syrien und dem Libanon formiere, und der ägyptische Präsident Husni Mubarak behauptete, arabische Schiiten seien dem Iran gegenüber loyaler als dem Arabismus. Sie sprachen damit das alte Ressentiment an, die Schia sei eine persische Abspaltung des Islam, gegen die der arabische (sunnitische) Urislam verteidigt werden müsse. Möglicherweise sollte solche Polemik auch eine Solidarisierung mit der schiitischen Hizbollah verhindern. Doch verfing diese Strategie nicht, denn deren Generalsekretär Hassan Nasrallah ist wegen seines “Sieges von Gott” gegen Israel und trotz seiner schiitischen Herkunft zur Popikone der arabischen Jugend geworden.

Veröffentlichungen:

„Die Propaganda hat versagt“ (Kommentar), die tageszeitung (taz) 28.04.2011. [Weblink…(PDF)]

„Sunniten und Schiiten im Libanon – Dimensionen einer komplexen Beziehung“; in: Sigrid Faath (Hrsg.): Rivalitäten und Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten in Nahost. 2010, S. 177-204. [Weblink…(PDF)]

„Iran und Türkei profitieren vom Abzug der USA“ (Interview), Wirtschafts-Blatt 23.08.2010. [Weblink…(PDF)]

„Glaubensbrüder oder Feinde? Schia und Sunna – die Politisierung konfessioneller Differenzen“, Neue Zürcher Zeitung (nzz) 16.10.2006 [Weblink…] [Weblink…(PDF)]